Der See im Rausch der Farben 

Schönau a. Königssee: (4. Januar 2010) - Der Andrang zur großen Neujahrsparty am Königssee war enorm. »So viel war noch nie los«, sagte ein Einheimischer, der im dichten Gedränge an der Seelände weder einen Schritt nach vorne noch einen zur Seite wagte. Die Plätze, die einen Blick auf das spektakuläre Feuerwerk boten, waren heiß begehrt, die Seelände wegen der Menschenmassen zu weiten Teilen verstopft. Jahrmarktgleich war den ganzen Tag über einiges geboten worden, den Höhepunkt stellte - trotz ständiger Krisendebatte - das bombastische Feuerwerk dar. Um das farbenfrohe Himmelsschauspiel zu verfolgen, musste man allerdings pünktlich sein und einen der für gewöhnlich ausreichenden Parkplätze am Königssee ergattern. Es sollte eng werden. 

  

Mit einem Riesenfeuerwerk begrüßten die Gemeinde Schönau am Königssee und zahlreiche Besucher das neue Jahr.

 

Ungebrochen ist die Anziehungskraft des prächtigen Raketenschauspiels. Viel wird über Unverhältnismäßigkeit diskutiert, über Sinn und Zweck der optisch eindrucksvollen Unterhaltung. Ist die Raketenvorführung dann aber öffentlich, gar kostenfrei mitanzusehen, ist die magnetische Wirkung offensichtlich. Jeder kommt, Hunderte, Tausende - schließlich gibt es im näheren Umkreis keine Show vergleichbarer Machart. Und hier am Königssee sogar zweimal im Jahr. Und hier geht es nicht nur ums große Bumm-Bumm, sondern auch um das Drumherum, um Glühweinstände, um den Rennrodel-Weltcup, um den musikalischen Rahmen, der für Jung und Alt etwas zu bieten hatte: DJ Jürgen versus Oxn-Aug'n Trio. Ein großes Fest also, das da am Ersten des neuen Jahres stattfand.

Feiern bis zum großen Knall

Das Tagesgeschäft ist dort unten an der Seelände noch überschaubar. Bereits mittags um zwölf Uhr geht es los, das Wetter sollte langsam besser werden. Nicht auszumalen, wenn das teuer erkaufte Feuerwerk schließlich sprichwörtlich ins Wasser fallen würde, was es aber - dank eines gnädigen Wettergottes - schließlich doch nicht tut. Die Seelände gleicht also einem großen Christkindlmarkt, überall Buden, es duftet nach Essen, Glühwein gibt es reichlich, hinreichend Platz, sich unter Wärmepilzen in einer guten Unterhaltung zu verlieren. Kurzweiligen Charakter hat die Veranstaltung am Königssee: Kinder dürfen in Portrait-Shootings eine gute Figur machen, das Gesicht in feuerwerksbunten Farben stilecht bemalen lassen. Den Erwachsenen, Einheimischen und Besuchern schweben wohl eher die kulinarischen Köstlichkeiten vor Augen, die an besagtem Neujahrstag angeboten werden. Um mitreden zu können, muss man zumindest großen Hunger mitgebracht haben, den einen oder anderen Euro im Geldbeutel zu haben, ist für weitere Ausflüge in verkostungsmäßiger Hinsicht sicher auch nicht verkehrt.
Da steht man also nun, direkt am See, vor der großen Bühne, die anlässlich des stattfindenden Rodelweltcups errichtet wurde, lauscht dem Oxn-Aug'n Trio, weiter hinten dann den DJ-Jürgen-Klängen oder aber man »begutachtet« jene sportlichen Rennschlitten-Cracks, die sich in den Eiskanal stürzen, die Gefahr ausblendend, nach der letzten Tausendstelsekunde strebend. Den Gästen gefällt das, ebenso den Einheimischen, aber dennoch ist der Grund des Kommens ein anderer. Noch wartet man, bald soll es so weit sein, der große Höhepunkt des Tages steht vor der Tür, die Neujahrskrönung mit Knalleffekt. Noch ist es vergleichsweise »ruhig« hier unten am Königssee, aber je weiter der Stundenanzeiger in Richtung 18 Uhr tickt, desto voller wird es, desto mehr Autos sind in Richtung See unterwegs, das von der Insel Christlieger abgebrannte Feuerwerk vor Augen. Anders als zu Seefest-Zeiten ist das Neujahrsfeuerwerk heute ein kostenfreies Spektakel, dem jeder beiwohnen kann, ohne die Brieftasche zücken zu müssen. Einleuchtend, dass der Andrang dadurch nochmals verstärkt wird.

Es wird eng

Die große Masse scheint angekommen zu sein, jetzt, eine halbe Stunde vor dem offiziellen Start der himmlischen Feierlichkeit, wird der Platz eng, dicht an dicht drängt sich die Menge, schiebt sich von Verkaufsstand zu Verkaufsstand, kämpft um den besten Standort, den »Platz an der Sonne« mit Exklusiv-Blick auf den weit oben stattfindenden Rummel. »Ausnahmezustand Königssee«, der Vergleich liegt nahe, jene Sardinen anzuführen, die in ihrer Dose - wäre der letzte Atemzug nicht schon längst getan - um den wertvollen Platz ringen. Der letzte Atemzug steht den Besuchern zwar nicht bevor, dennoch könnte demjenigen mit Tendenz zur Klaustrophobie der Kloß im Halse stecken bleiben - mittelschwerer Bammel nicht ausgeschlossen. Aber was tut man nicht alles für ein einmaliges, erlebnisreiches Himmels-intermezzo, das nun, mit leichter Verspätung, angefacht wird.
Ein hell leuchtender Feuervorhang erstrahlt, lediglich für diejenigen einsehbar, die direkten Posten am See bezogen haben. Das Ergebnis: eine atompilzhafte Rauchwolke, die mehr verdeckt als freigibt und einige der nun folgenden Raketen hinter einer trüb-verhangenen Nebelwand verschwinden lässt. Das soll dem gelungenen Schauspiel aber keinen Abbruch tun, denn um die im Winter wie Blei zwischen den Bergen liegenden Rauchwolken weiß man Bescheid - es ist windstill, die Raketenhöhe soll es richten. So sind die zunächst aktivierten Himmelsbombardements weiter unten angesiedelt, voll der prächtigen Farben, aber nichts im Vergleich zu jener pyrotechnischen Meisterleistung, die im Folgenden abgehalten wird. Die »Ahhs« und »Ohhs« sind nicht zu überhören, dort ein Junge, der auf den Schultern des Vaters sitzt, gebannt in den Himmel starrt, der Mund weit aufgerissen - Vergleichbares dürfte er den Blicken nach noch nicht zu Gesicht bekommen haben. Aber auch aus der Welt der Erwachsenen vernimmt man Laute der Faszination, der offensichtlichen
Begeisterung ob der sensationellen Technik-Show. Eventueller Trübsinn scheint wie weggeblasen, der Silvesterkater ist vergessen, was jetzt zählt, ist der Augenblick, der Moment der mannigfachen Explosion. Zum Atmen bleibt kaum Zeit, das Schauspiel krönt die Feierlichkeiten der letzten Tage und spätestens bei den abschließenden Detonationen weit oben, die in einem scheinbaren Regen über den Zuschauern zu Grunde gehen, kann man gewiss sein, dass die Entscheidung, heute doch noch zum Königssee gefahren zu sein, die richtige war.

»Die Letzten werden die Ersten sein«

Das Event ist zu Ende, die Party am Königssee noch lange nicht, aber dennoch nimmt ein Großteil der Anwesenden Reißaus, ab zum Auto, das am Königssee-Parkplatz wartet. Schnell, schnell durch die Seestraße, die zum Menschenschlauch wird, eine lebende Walze, die unaufhaltsam an den Ladengeschäften vorbeirollt, ein Strauchelnder hätte das Nachsehen. So weit kommt es aber nicht. Rein in den Pkw, den Motor gestartet und auf geht's. Doch oh Schreck! Dieselbe Idee hatte anscheinend ein jeder! Die Folge: ein verstopfter Königssee-Parkplatz, ein Licht- und Hupkonzert par excellence. Nichts geht mehr, das biblische Zitat hat sich also doch noch bewahrheitet: »Die Ersten werden die Letzten sein«. Einen Glühwein bei der Neujahrsfeierlichkeit hätte man sich durchaus noch genehmigen können.  kp

(Berchtesgadener Anzeiger)